3.5.1-4 Anforderungen an zu errichtende Wohngebäude

Anforderungen

Die Hauptanforderung an Wohngebäude sowie gemäß Definition auch an Wohn-, Alten- und Pflegeheime sowie ähnliche Einrichtungen (EnEV §2, Satz 1) richtet sich wie mit der EnEV 2002 eingeführt an den einzuhaltenden Primärenergiebedarf der Wärmebereitstellung für Warmwasser, Heizung und auch der Kühlung. Gegenüber den bisher gültigen Anforderungen der EnEV 2007 findet sich eine Verschärfung zwischen etwa 27 und bis über 40% bezogen auf den Primärenergiebedarf (EnEV §3, Absatz 1). Diese breite Spanne kommt dadurch zustande, dass einerseits das Prozedere der Anforderungsformulierung gewechselt wird. Gebäude mit elektrischer (dezentraler) Trinkwassererwärmung werden eine im Referenzgebäudeverfahren pauschal angesetzte solare Brauchwassererwärmung nicht aufweisen und können daher zusätzlich mit einem Malus von 10,9 kWh/ ( · a) belegt werden (EnEV Anlage 1, Absatz 1.1). Dieser Malus greift nur dann nicht, wenn für den aus dem EEWärmeG geforderten Einsatz erneuerbarer Energien eine Ersatzmaßnahme gemäß EEWärmeG, Anlage VI, also ein verminderter Primärenergiebedarf nachgewiesen wird.

Der auf die Gebäudenutzfläche AN bezogene zulässige Primärenergiebedarf ist nicht mehr abhängig vom Hüllflächen-Volumen-Verhältnis A/V eines Gebäudes, sondern allein von dem Energiebedarf des mit normierten Randbedingungen berechneten Referenzgebäudes (EnEV Anlage 1, Tabelle 1). Eine Übersicht der vom Verordnungsgeber festgelegten Randbedingungen zeigt Tabelle 1. Damit wird ein Verfahren gewählt, das exakt dem des Nichtwohngebäudesektors entspricht und welches für derartige Gebäudenutzungen bereits mit der EnEV 2007 eingeführt wurde. Der Vorteil der Vorgehensweise besteht darin, dass der nicht existente Zusammenhang zwischen dem Kompaktheitsgrad (A/V-Verhältnis) des Gebäudes zu den Anlagenverlusten, den Lüftungswärmeverlusten und auch den internen und solaren Einträgen über die Fassaden den zulässigen Primärenergiebedarf nicht mehr unberechtigt dominiert. Selbstverständlich gehen auch Nachteile einher: Die bislang genannten Abhängigkeiten aus Fensterflächenanteilen der Fassaden sowie Einfluss des architektonischen Entwurfs (A/V-Verhältnis) fließen zukünftig nicht mehr vordergründig in die Anforderungen ein.

Tabelle 1

Tabelle 1

Der einzuhaltende Wärmeschutz der Gebäudehülle – definiert über den mittleren U-Wert aller Bauteile und als auf die wärmeübertragende Umfassungsfläche bezogener Transmissions - wärmeverlust H’T bezeichnet – wird losgelöst vom für diesen Fall als Führungsgröße geeigneten A/V-Verhältnis eines Gebäudes. Zukünftig werden fixe Werte für unterschiedliche Wohngebäudetypen (EnEV Anlage 1, Tabelle 2) festgelegt.

Die Abbildungen links beinhaltet diese Anforderungen an den Neubau gemäß EnEV §3 sowie an Gebäudeerweiterungen mit mehr als 50 m2 Nutzfläche gemäß EnEV §9. Vergleicht man diese Zahlenwerte mit den bisherigen Anforderungen, ergeben sich aus Musterberechnungen Verschärfungen zwischen 10 und 25 %, wobei nicht aus - zuschließen ist, dass bei sehr großen Fensterflächenanteilen auch deutlich höhere Verschärfungen eintreten können.

Somit gilt die Aussage nicht, dass ein reales Objekt mit den Ausführungen des Referenzgebäudes immer die EnEV-Anforderungen erfüllt!

Weiterhin ist zu bemerken, dass gegenüber der Verordnung von 2007 nunmehr kein Aufschlag auf den zulässigen Primärenergiebedarf gekühlter Wohngebäude zulässig ist. Dies bedeutet somit eine zusätzliche Verschärfung bei derartigen Gebäudeentwürfen und zwingt den Planer verstärkt zur Optimierung des sommerlichen Wärmeschutzes.

Die Anforderungen sind mit den verschiedensten Kombinationen aus baulichem Wärmeschutz mit einer zweischaligen Wandkonstruktion und vor allem mit primärenergetisch optimaler Anlagentechnik ohne Probleme einzuhalten, so dass eine allgemein gültige Planungsempfehlung zur Zielerreichung nicht formuliert werden kann. Dies bedeutet vor allem hinsichtlich der Umstellung auf das Referenzgebäude- Verfahren, dass grundsätzlich jedes Objekt mit seinen individuellen Eigenschaften über ein computergeführtes Nachweisprogramm bewertet werden muss. Dazu sieht der Verordnungsgeber vor, dass mit Blick in die Zukunft als Regelverfahren die umfangreiche Bilanzierungsnorm DIN V 18599 (EnEV Anlage 1 Absatz 2.1.1) oder alternativ noch das Monatsbilanz- Verfahren der DIN V 4108-6 in Verbindung mit DIN V 4701-10 verwendet werden kann (EnEV Anlage 1 Absatz 2.1.2). Sowohl das geplante Objekt als auch das Referenzgebäude müssen immer mit dem selben Verfahren bewertet werden (EnEV §3 Absatz 3), da es bei einem Verfahrenswechsel durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann.

So werden beispielsweise die Randbedingungen der bisherigen Nachweisprozedur der DIN V 4701-10 für einen energetischen Standard festgelegt, der eine konstante Heizperiodenlänge von 185 Tagen zur Grundlage hat. Dieser Zeitraum kann insbesondere bei Gebäuden mit sehr kleinem Heizenergiebedarf deutlich zu hoch sein und daher zur Fehlbeurteilung der Anlagenverluste bei hoch wärmegedämmten Gebäuden mit deutlich kürzerer Heizperiodenlänge führen. Die Anwendung der DIN V 18599 weist diese Einschränkung nicht auf, da monatsweise Gebäude und Anlagentechnik bilanziert werden. Diese komplexe Methodik bleibt bisher aber nur wenigen Fachingenieuren vorbehalten, da der Umfang des Verfahrens Architekten und Bauingenieure verschreckt. Es muss davon ausgegangen werden, dass spätestens 2012 mit der nächsten Verordnungsnovelle der Systemwechsel der Nachweisverfahren vollzogen werden muss, da die Normungsarbeiten an DIN V 4108-6 und DIN V 4701-10 eingestellt sind.

Abbildung 2: Höchstwerte des auf die
wärme tauschende Hüllfläche bezogenen
Transmissionswärmeverlustes
H’T für fünf verschiedene Gebäudesituationen
gemäß EnEV.

Abbildung 2: Höchstwerte des auf die wärme tauschende Hüllfläche bezogenen Transmissionswärmeverlustes H’T für fünf verschiedene Gebäudesituationen gemäß EnEV.
© Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel im Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie e.V.

Luftdichtheit der Gebäudehülle

Wie schon in den Verordnungen seit 2002 formuliert, ist die Gebäudehülle luftdicht auszuführen (EnEV §6). Die Verordnung legt im sog. Referenzwohngebäude eine Abluftanlage zugrunde, die nur dann energetisch bilanziert werden darf, wenn zuvor die Luftdichtheit der Gebäudehülle mittels Blower-Door-Verfahren mit einem n50-Luftwechsel  1,5 h-1 nachgewiesen wurde. So wird die Luftdichtheitsprüfung in Neubauten nahezu obligatorisch. Der Anforderungswert n50 3,0 h-1 gilt weiterhin für Gebäude(teile) ohne raumlufttechnische Anlagen = Fensterlüftung.

Foto 1: Sicherstellung der Luftdichtheit
einer Außenwand. Hier stellt der
Nassputz auf der Innenseite des
Mauerwerks die Luftdichtheit sicher.

Foto 1: Sicherstellung der Luftdichtheit einer Außenwand. Hier stellt der Nassputz auf der Innenseite des Mauerwerks die Luftdichtheit sicher.
© quick-mix

Berücksichtigung von Wärmebrücken

Ein hoher Wärmeschutz der Gebäudehülle wirkt sich gravierend auf die Wärmebrückenthematik (EnEV §7) der Bauteilanschlüsse aus. Die bisher im Beiblatt 2 zu DIN 4108 beschriebenen und von der EnEV für pauschale Nachweise mit reduziertem Zuschlag anzusetzenden Wärmebrückendetails sind vor allem bei Einsatz von Fenstern mit Dreifachverglasungen, Dachdämmungen >20 cm und mehrlagigen Fußbodendämmungen nicht ohne weiteres anwendbar. Müssen hier z. B. Gleichwertigkeitsnachweise geführt werden, kann dann darauf verzichtet werden, wenn der Wärmeschutz der geplanten Bauteile höher ist, als in den Beiblatt-Beispielen zugrunde gelegt ist.

Darüber hinaus führen die pauschal nach Norm angenommenen Wärmebrückenverluste zu einer deutlich nachteiligen rechnerischen Bewertung der schon heute in der Praxis ausgeführten hochwertigen Anschlussdetails. Eine zahlenmäßige Abschätzung für alle Mauerwerksarten und Gebäudeentwürfe als Durchschnittswert anzugeben ist schwierig. Es kann allerdings davon ausgegangen werden, dass der im Referenzgebäude zugrunde gelegte auf die Gebäudehüllfläche bezogene Pauschalwert ΔUWB von 0,05 W/( · K) beim detaillierten Nachweis um mindestens 50 %, bei optimierten Details sogar auf Null reduziert werden kann.

Foto 2: Massive Wärmebrückenwirkung,
Kragplatte aus Stahlträger
und Stahlbeton ohne thermische
Trennung.

Foto 2: Massive Wärmebrückenwirkung, Kragplatte aus Stahlträger und Stahlbeton ohne thermische Trennung.

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3.4.1-3 Energiesparverordnung 2009 - Grundlagen

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3.6 Auswirkungen der EnEV 2009 für Außenwände aus zweischaligem Mauerwerk